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Essay über die Ursachen und Folgen der zu erwartenden "Afrikanischen Bevölkerungsexplosion" in den nächsten 50 Jahren

von Horst W. Zillmer - Vorsitzender der Stiftung Kinder in Afrika"

Der dramatische Bevölkerungsanstieg in Afrika

Niemals zuvor haben in nur wenigen Jahrzehnten eine schnell wachsende Weltbevölkerung, technologische und wissenschaftliche Fortschritte, wachsende Umweltbelastungen und eine sich globalisierende Weltwirtschaft weltweit so erstaunliche und nachhaltige Veränderungen ausgelöst. Neue Technologien und die demographische - regional höchst unterschiedliche - Entwicklung werden auch in den nächsten Jahrzehnten Fortschritt, globale Veränderungen und regionale Belastungen im Neuen Globalen Zeitalter" bestimmen.

Die Bevölkerungsprognose der Vereinten Nationen gibt konkrete Hinweise: Sie sagt einen Bevölkerungsanstieg um rund 60% auf 9,5 Mrd. Menschen im Jahr 2050 voraus. Diese Prognose verdeckt jedoch die regional extrem unterschiedlichen Bevölkerungszuwachsraten. Dies gilt insbesondere für unseren Nachbarkontinent Afrika mit einem erwarteten Anwachsen der Bevölkerung auf annähernd 2 Mrd. Menschen bis zum Jahr 2050. Damit würde Afrika in bereits wenigen Jahrzehnten die Bevölkerungszahlen von China überschreiten.

Die Afrikanische Bevölkerungsexplosion" bedeutet einen Anstieg der Bevölkerung in Afrika um das Achtfache (!) im Verlauf von nur 100 Jahren:

Bevölkerungsanstieg in Afrika von 1950 bis 2050

1950
224 Mio.
2050
1.999 Mio.
(+ 792%)

Sollte sich diese Prognose bestätigen und alle Anzeichen sprechen dafür - kann auch in den nächsten Jahrzehnten kaum mit Fortschritten in Afrika gerechnet werden.

Alle bisherigen Erfahrungen weisen darauf hin, daß ein schnelles Bevölkerungswachstum die wirtschaftliche und soziale Entwicklung hemmt oder gefährdet. Sogleich wird die Ernährung der wachsenden Bevölkerung unsicher. Man muß daher uneingeschränkt für Afrika von einer negativen Zukunftsprognose sprechen.

Die folgende Tabelle zeigt den dynamischen Bevölkerungzuwachs Afrikas der letzten 200 Jahren und die dramatische Prognose für die nächsten 50 Jahre.

Bevölkerungsanstieg in Afrika im Verlauf von jeweils 50 Jahren

Jahr

Anzahl
in Mio.

Zuwachs
in Mio.

Zuwachs
in %

Anteil an der
Weltbevölkerung

1800
107
-
-
10,9%
1850
111
4
3,7%
8,8%
1900
133
22
19,8%
8,1%
1950
224
91
68,4%
8,9%
2000
821
597
266,5%
13,4%
2050
1.999
1.078
143,5%
20,9%

Sollte es in Afrika nicht gelingen, den Zuwachs der Bevölkerung auf ein nachhaltig tragfähiges Niveau zu senken, wird sich die bisherige überwiegend negative Entwicklungsbilanz verstärken. Die dann zu erwartenden vielschichtigen Verwerfungen in Afrika werden sich voraussichtlich auch in Europa auswirken.

Bisher wurde die bereits heute erkennbare bedrohliche Entwicklung Afrikas von der Öffentlichkeit kaum registriert. Die Stiftung Kinder in Afrika" nimmt die Vorstellung des mit dem Verlag Dr. Hans-Dieter Höhnk gemeinsam vergestellten Buches Die Zukunft beginnt heute ... " zum Anlaß, auf die Gefahr einer Afrikanischen Bevölkerungsexplosion" aufmerksam zu machen.

Eine realistische Bestandsaufnahmen gibt gegenwärtig keine Hoffnung, daß der häufig als verloren" eingestufte Kontinent in einer Afrikanischen Renaissance" gestärkt in das nächste Jahrhundert eintreten wird. Es wäre verhängnisvoll, die Bevölkerungsprognosen und die daraus zu erwartenden Veränderungen zu ignorieren:

Weltbevölkerungsprojektion nach den Daten der Weltbank

(mittlere Variante in Mio.) im Verlauf von jeweils 50 Jahren

1750

1800

1850

1900

1950

2000

2050

2100

2150

Asien

502
635
809
947
1.403
3.703
5.638
6.289
6.509

Afrika

106
107
111
133
224
821
1.999
2.643
2.827

Lateinamerika

16
24
38
74
166
512
804
883
906

Nordamerika

2
7
26
82
166
309
374
384
388

Europa

163
203
276
408
549
737
721
714
726

Ozeanien

2
2
2
6
13
31
42
45
46

Welt

791
978
1.262
1.650
2.520
6.114
9.578
10.958
11.401

Quelle: UN 1994 und Weltbank 1994/95. Entnommen aus H. Birk, Weltbevölkerung", 1996

Die Ursachen des dramatischen Bevölkerungsanstiegs
in Subsahara-Afrika

Die Bevölkerungswachstumsraten haben sich in Subsahara-Afrika
seit Beginn dieses Jahrhunderts rasch und überdurchschnittlich erhöht. Sie haben zwischenzeitlich einen historischen Höchststand erreicht, der sich - im Gegensatz zu anderen Weltregionen - auch in den nächsten Jahrzehnten voraussichtlich nur geringfügig verringern wird.

Bevölkerungswachstumsraten seit 1750 in %

1750 -1800

1800 -1850

1850 -1900

1900 -1950

1950 -1995

1995 -2000

Afrika

0,02
0,07
0,36
1,05
2,65
2,71

Asien

0,47
0,49
0,32
0,79
2,03
1,56

Lateinamerika

0,81
0,92
1,34
1,64
2,40
1,69

Nordamerika

2,54
2,66
2,32
1,42
1,27
0,87

Europa

0,44
0,62
0,79
0,60
0,63
0,08

Ozeanien

0,00
0,00
2,22
1,55
1,80
1,34

Welt

0,43
0,51
0,54
0,85
1,84
1,50

Quelle: UN 1994 und Weltbank 1994/95. Entnommen aus H. Birk, Weltbevölkerung", 1996

 

Prognostizierte Wachstumsraten in Subsahara-Afrika

Zeitraum

Bevölkerungswachstumsrate in Subsahara-Afrika

Weltweiter Durchschnitt

2001 bis 2010
2,68%
1,24%
2011 bis 2020
2,45%
1,08%

Quelle: Bevölkerungsprojektionen der UN, 1996 (OECD)

Sollte es den Ländern Afrikas nicht gelingen, die Bevölkerungswachstumsraten deutlich spürbar zu senken, so könnte der schnelle Bevölkerungsanstieg zu einer Afrikanischen Tragödie" führen.

Die Fertilitätsraten in Subsahara-Afrika
haben sich im Zeitraum 1950/1995 im internationalen Vergleich nur geringfügig reduziert. So ist sie in Subsahara-Afrika im Zeitraum 1970/1995 von 6,6 auf 5,7 gefallen. In anderen Regionen der Entwicklungsländer sind dagegen die Fertilitätsraten teilweise drastisch gesunken. Dieses gilt besonders für die sich wirtschaftlich dynamisch entwickelnde Region Ostasien. Dort sank die Fertilität im gleichen Zeitraum von 5,7 auf 2,2 Geburten.

Auch in den nächsten 20 Jahren ist nach der jüngsten Prognose der OECD nur mit einem geringen Rückgang der Fertilität in Subsahara-Afrika zu rechnen.

Veränderungen der Fertilität in % seit 1950

1960-65
zu 1950-55

1970-75
zu 1960-65

1980-85
zu 1970-75

1990-95
zu 1980-85

1990-95
zu 1950-55

Afrika

2
-3
-3
-6
-10

Asien

-4
-11
-26
-15
-46

Lateinamerika

1
-16
-21
-22
-48

Entwicklungsländer

-2
-11
-22
-14
-41

Entwickelte Länder

-5
-18
-13
-1
-33

Quelle: World Population, 1993. Entnommen aus: R. E. Ulrich, "Fruchtbarkeitsrückgang und Familienplanung in EL"

Regionale Trends der Fruchtbarkeit

Die Lebenserwartung in Subsahara-Afrika
Eine geringe Lebenserwartung ist überwiegend die Folge der Armut in den meisten Länder Afrikas. In Subsahara-Afrika stieg die Lebenserwartung von 40 Jahren (1960) um lediglich 12 auf 52 Jahre (1995). Im Vergleich dazu sei auf Ostasien hingewiesen mit einem Anstieg der Lebenserwartung um 21 Jahre. Wie in allen anderen Regionen ist jedoch auch in Afrika mit einem weiteren Anstieg der Lebenserwartung zu rechnen.

Die geringe Lebenserwartung in Subsahara-Afrika und die hohe Fertilität sind die Ursachen für den hohen Bevölkerungsanteil der Gruppe im Alter von unter 15 Jahren.

Altersstruktur 1994

unter 15 Jahre alt in %

über 65 Jahre alt in %

Afrika südlich der Sahara

46
  3

Entwicklungsländer ohne China

39
  4

Entwickelte Länder

20
13

Deutschland

16
15

Welt

33
  6

Im Zuge des allgemeinen Anstiegs der Lebenserwartung wird zukünftig die Zahl alter und versorgungsbedürftiger Menschen auch in Subsahara-Afrika schnell wachsen. Diese Bevölkerungsgruppe wird bisher wenig beachtete Versorgungsprobleme aufwerfen und die Volkswirtschaften zunehmend belasten.

Die Gesundheitsversorgung in Subsahara-Afrika
ist im Vergleich zu anderen unterentwickelten Regionen unterdurchschnittlich entwickelt und für eine angemessene Versorgung der Bevölkerung insbesondere in den ländlichen Regionen weitgehend ungenügend ausgebaut. Der verbreitete Versorgungsmangel wird im nachfolgenden Vergleich mehr als deutlich:

Die Gesundheitsversorung in Subsahara-Afrika

Durchschnitt aller Entwicklungsländer

47% der Bevölkerung hat keinen Zugang zu Gesundheitsdiensten
Daraus erklärt sich zugleich der geringe Zugang zu Familienplanungseinrichtungen

20%

18.480 Menschen werden von einem Arzt versorgt

5.833

92 von 1000 Säuglingen sterben im ersten Lebensjahr (1995)

60/1000

174 von 1000 Kindern sterben im Alter bis 5 Jahre (1994)

95/1000

971/100.000 Lebendgeburten betrug die Müttersterblichkeit (1990)

471/100.000

49% der Bevölkerung hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser

29%

17% waren Benutzer von Verhütungsmitteln (1985/1990)

51%

0,7% der weltweiten Ausgaben für die Gesundheitsversorgung wird in Subsahara-Afrika aufgewendet ($12 Mrd./1990) Das sind $24,-/Kopf/Jahr

$170 Mrd.
$41/Kopf/Jahr

Der im Vergleich zu anderen Entwicklungsregionen in Subsahara-Afrika nur eingeschränkt mögliche Zugang zu Gesundheits- und Familienplanungseinrichtungen ist ein Grund für die verhältnismäßig geringe Anzahl der Nutzer von Verhütungsmitteln. Es muß jedoch hinzugefügt werden, daß die Bereitstellung finanzieller Unterstützung der Gesundheitsversorgung und angeschlossener Familienplanungseinrichtungen durch internationale Organisationen oder bilaterale Entwicklungshilfemaßnahmen bisher äußerst gering war. Im Hinblick auf die seit Jahrzehnten erkennbare dramatische Bevölkerungsentwicklung in Subsahara-Afrika muß dieses Versäumnis besonders hervorgehoben und ein Umdenken angemahnt werden.
In diesem Zusammenhang wird besonders auf die ergänzenden Erläuterungen zum diesem Thema im Buch Die Zukunft beginnt heute ..." hingewiesen.

Die Armut in Subsahara-Afrika
zeigt sich besonders deutlich in einem weiterhin extrem niedrigen Durchschnittseinkommen von US-$509,-/Kopf/Jahr (1995) und ist wesentlich mitverantwortlich für das überdurchschnittlich hohe Bevölkerungswachstum. Das Pro-Kopf-Einkommen in Sub-sahara-Afrika wuchs im Zeitraum 1960/1980 im Vergleich zu anderen Regionen der Entwicklungsländer nur moderat. Dies gilt auch für den Zeitraum 1985/1995 mit einem Minuswachstum von durchschnittlich 1,1%). Nur in wenigen Ländern dieser Region gibt es gegenwärtig Anzeichen für eine Kehrtwende.

Einkommen nach Regionen 1995

BSP in Mrd. $
1995

Bevölkerung
in Mio. 1995

BSP/Kopf
in US-$

Durchschn. Wachstumsrate

1985-95

Subsahara-Afrika

297
583
509
-1,1%

Naher Osten und Nordafrika

525
272
1.930
-0,3%

Ostasien und Pazifik

1.341
1.707
786
7,2%

Südasien

439
1.243
353
2,9%

Lateinamerika und Karibik

1.688
478
3.531
0,3%

Europa und Zentralasien

1.103
488
2.260
-3,5%

Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen

5.393
4.771
1.130
0,4%

Länder mit hohem Einkommen

22.486
902
24.929
1,9%

Welt

27.879
5.673
4.914
0,8%
Quelle: Weltbank, Weltentwicklungsbericht 1997"

Kinderreichtum ist verstärkt dort anzutreffen, wo Armut vorherrscht. Es gilt daher, die extreme Armut abzubauen, um auf diesem Wege das Bevölkerungswachstum zu bremsen. Dies gilt insbesondere für Subsahara-Afrika mit einem Bevölkerungsanteil von 10,3% an der Weltbevölkerung und einem Anteil im Welteinkommen von nur 1,1%.

Die OECD urteilt in einer aktuellen Veröffentlichung: Subsahara-Afrika hat sich langsamer von der Krise der achtziger Jahre erholt, und das BIP-Wachstum war in den neunziger Jahren moderater als im vergangenen Jahrzehnt. In Afrika ist die Entwicklungsbi1anz im großen und ganzen enttäuschend. Der Kontinent spielt bis heute bei der Globalisierung eine marginale Rolle. Aus einer Reihe von Gründen sind die meisten afrikanischen Länder in den vergangenen 30 Jahren in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung nicht vorangekommen, und viele haben schwere ökonomische Rückschläge erlebt. Eine Fortsetzung dieser Situation wäre angesichts der damit verbundenen humanen Kosten nicht hinnehmbar" .

Die katastrophale Leistungsbilanz der Länder Subsahara-Afrikas lassen sich auf eine Reihe von länderbezogenen und externen Gründe zurückführen:

  • nach Beendigung der Kolonialzeit waren keine industrielle Infrastruktur, Know-how und Absatzmärkte vorhanden. Die wenigen produzierenden Industriebetriebe wurden zumeist wenig fachmännisch gelenkt und waren nicht wettbewerbsfähig,
  • die zumeist autoritären Staatsführungen und die korrupten Verwaltungen waren überwiegend am Machterhalt und an der Selbstbereicherung interessiert,
  • Preiskontrollen, Devisen- und Handelsrestriktionen und eine überwiegend wettbewerbsfeindliche Wirtschaftspolitik, die nahezu ausschließlich auf der Ausfuhr von Agrarprodukten und Rohstoffen basierte und deren Preise vom Weltmarkt diktiert wurden, behinderten wirtschaftliche Fortschritte,
  • die marginale Einbindung Subsahara-Afrikas mit einem Weltbevölkerungsanteil von über 10% und einem Anteil von lediglich 1,9% am Welthandel,
  • die zwei Ölpreiserhöhungen, der zeitweilig rasante Zinsanstieg, eine immer höhere Auslandsverschuldung, Waffenkäufe im Ausland und lange Dürreperioden brachten immer häufiger Länder Subsahara-Afrikas an den Rand des wirtschaftlichen Ruins.

Die sich verstärkende Armut ließ immer häufiger schwelende ethnische und politische Konflikte aufbrechen, die nicht selten zu regionalen und langjährigen Bürgerkriegen führten (siehe Anlage: Ein Kontinent verzweifelt" ).

Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Subsahara-Afrika ist heute US-$509,- (US-$1,40/Tag). Im Vergleich zu 1975 ist das Pro-Kopf-Einkommen sogar gesunken.

Index des BSP pro Kopf 1975 bis 1995 1975 = 100

 

Die Bildung in Subsahara-Afrika
wird weiterhin besorgniserregend vernachlässigt. Da ein geringer Bildungsstand und eine unterdurchschnittlich geringe Schulbesuchsdauer wesentliche Gründe für frühe Geburten und eine hohe Kinderzahl in zumeist gering ausgebildeten Familien sind, wäre die Verbesserung des Bildungsangebots eine wesentliche Voraussetzung, um eine Absenkung des Bevölkerungszuwachses dauerhaft zu erreichen. Dazu ist Subsahara-Afrika auf die Unterstützung der internationalen Völkergemeinschaft angewiesen. Afrika ist ein Opfer der Armut geworden, wie sich eindeutig belegen läßt:

Subsahara-Afrika

Durchschnitt aller Entwicklungsländer

Die Einschulungsquoten in die Grundschule liegen mit 73,1% (1992) unterdurchschnittlich niedrig

98,4%

Nur 23,1%besuchten (1992) weiterführende Schulen

44,9%

140,5 Mio waren Analphabeten (1995) im Alter ab 15 Jahre.
Davon waren 62% weiblich.


63,9%

43,2% (1995) der Erwachsenen sind Analphabeten

29,6%

52,7% der Frauen sind Analphabeten

38,3%

Während die Entwicklungsländer insgesamt ihre Bildungsausgaben im Zeitraum 1980/1992 um 105% erhöht haben, sind sie in Subsahara-Afrika als Folge langjährigen negativen Wirtschaftswachstums nahezu unverändert geblieben.

Der vorzeitige Abbruch des Schulbesuchs ist in Subsahara-Afrika überdurchschnittlich und beklagenswert hoch und die Dauer des Schulbesuchs im Vergleich zu anderen Regionen der Entwicklungsländer weiterhin gering. Die nachfolgende Ubersicht verdeutlicht den Nachholbedarf in der Grundschulbildung in Subsahara-Afrika (in Jahren):

Dauer des durschnittlichen Schulbesuchs (in Jahren)

Region

1960

1994

Afrika

1,6
3,5

Indonesien

1,1
5,0

China

1,7
5,3

Lateinamerika

3,0
5,5

OECD

7,3
9,8

Quelle: OECD

Die Folgen eines dramatischen Bevölkerungsanstieg
in Subsahara-Afrika

Die Ernährungssicherung ist in Subsahara-Afrika
aus verschiedenen Gründen äußerst labil und wurde in den vergangenen Jahrzehnten von unterdurchschnittlichen Zuwachsraten und geringen Wachstumsimpulsen geprägt. Die FAO verweist auf einen Rückgang der Pro-Kopf-nahrungsmittelproduktion um 8,6% im Zeitraum 1974/1995.

Nahrungsmittelerzeugung pro Kopf 1979 bis 1981 = 100

1974-76

1979-81

1984-86

1989-91

1993-95

China

90,1
100
120,7
134,1
153,7

Asien

94,7
100
111,6
119,9
129,2

Indien

96,5
100
110,7
121,8
126,6

Südamerika

94,0
100
102,8
105,6
100,8

Europa

94,7
100
107,2
106,5
99,4

Afrika

104,9
100
95,4
98,6
95,9

Nord-/Mittel-Amerika

90,1
100
99,1
94,2
95,4

Welt

97,4
100
104,4
105,4
105,6

Nach Zahlen der FAO. Entnommen aus: E+Z 1996 Armartya K. Sen

Auch im Vergleich mit anderen Regionen verweist die FAO für den Zeitraum 1979/1993 auf eine rückläufige Pro-Kopf Nahrungsmittelproduktion.

Nahrungsmittelproduktion pro Kopf

Die Gründe für die rückläufige Nahrungsmittel-Pro-Kopf-Produktion sind die schnell wachsende Bevölkerung und eine zu geringe Steigerung der Hektarerträge. So konnte die Getreideproduktion in Subsahara-Afrika seit 1961 nur unterdurchschnittlich gesteigert werden. Für Weizen, Reis, Hirse und Mais liegen die Hektarerträge weit unter den Erträgen anderer Regionen in den Entwicklungsländern.

Dazu kommentiert die OECD: Es wird auch zukünftig sehr schwierig sein, die landwirtschaftliche Produktivität in Subsahara-Afrika angemessen zu verbessern und die Hektarerträge wesentlich zu erhöhen. Trotz gewisser ermutigender Resultate in einigen Ländern sind bisher keine eindeutigen Anzeichen dafür erkennbar, daß der Agrarsektor in Afrika jene wirtschaftliche Schlüsselrolle übernehmen wird, die für eine nachhaltige Entwicklung des Kontinents und für die Ernährungssicherung der schnell wachsenden Bevölkerung unerläßlich wäre. Ein rasches Wachstum der Agrarproduktion wäre erforderlich, da a) die Nachfrage nach Agrarprodukten aufgrund des starken Bevölkerungswachstums und einer niedrigen Ausgangsbasis der Pro-Kopf-Produktion stark wachsen wird, und b) Afrika per Saldo nicht über die Mittel verfügen wird, mehr als nur einen kleinen Teil seines Nahrungsmittelbedarf durch Importe zu decken, denn es wird einige Zeit dauern, bis eine solide Basis für den Export von nichtlandwirtschaftlichen Erzeugnissen, insbesondere Industriegüter entwickelt ist."

Die erhöhte Nachrungsmittelnachfrage durch schnelles Anwachsen der Bevölkerung, eine sich rapide verstärkende Urbanisierung und daneben eine Veränderung der Eßgewohnheiten wird - wie in anderen Regionen - auch in Afrika überwiegend durch höhere Hektarerträge gedeckt werden müssen. Während im Durchschnitt aller Entwicklungsländer beispielsweise eine Steigerung der Getreideproduktion seit 1961 um 92% durch höhere Hektarerträge erzielt wurde, konnten in Subsahara-Afrika die Hektarerträge nur um 52% gesteigert werden.

Wenngleich 88% des Wasserverbrauchs in Afrika in die Landwirtschaft fließt, werden dennoch vergleichsweise nur geringe Flächen künstlich bewässert. Die für eine intensive Bewässerungslandwirtschaft erforderlichen finanziellen, technischen, organisatorischen und wissenschaftlichen Ressourcen sind nicht im ausreichendem Umfang vorhanden.

Für eine langfristig sichere Ernährung einer schnell wachsenden Bevölkerung kommt erschwerend hinzu, daß große Regionen in Afrika häufig von Klimakatastrophen heimgesucht werden. Nicht selten fällt im Verlauf mehrerer Jahre kein Regen. Regionale Dürre, Vernichtung der Ernten, Hunger und Wanderungsbewegungen in die Städte und in die Nachbarländer sind die zwangsläufigen Folgen.

Die Nutzung des bewirtschafteten Ackerlandes ist mit 0,29 ha/ Kopf (Europa 0,27 ha/Kopf) bereits sehr intensiv. Daraus folgt, daß die den einzelnen Familien gehörige Ackerfläche durch Teilung zur Versorgung der nachfolgenden Generation immer kleiner und deren Ernährungssicherung immer unsicherer wird. Es kommt hinzu, daß durch Überdüngung, Versalzung, Übernutzung oder Überweidung in Subsahara-Afrika immer häufiger landwirtschaftlich genutzte Flächen dauerhaft geschädigt und der Nutzung entzogen werden.

Die geschilderten Umstände zeigen, daß sich die schnell wachsende Bevölkerung Subsahara-Afrikas sich voraussichtlich aus eigener Kraft nicht mehr dauerhaft ausreichend ernähren können wird. Es wird sich für viele Millionen Menschen tragisch auswirken, wenn man diese bereits heute erkennbare Gefahr ignoriert!

Die Unterernährung in Subsahara-Afrika
ist überdurchschnittlich verbreitet und nahm im Gegensatz zu allen anderen Regionen der Entwicklungsländer in den vergangenen drei Dekaden sogar prozentual von 35% auf 37% der Bevölkerung zu. Ebenso ist die Zahl der mangelernährten Kinder im Alter unter 5 Jahren in Subsahara-Afrika verhältnismäßig hoch.

Regionale Verteilung des Hungers

Region

Bevölkerung

Anteil der Unterernährung an der Bevölkerung

in %

in Mio.

1969/71

1988/90

1969/71

1988/90

1969/71

1988/90

Subsahara-Afrika

268
473
35
37
94
175

Nahost/Nordafrika

178
297
24
8
42
24

Ostasien

1147
1598
44
16
506
258

Südasien

711
1103
34
24
245
265

Lateinamerika/Karibik

281
433
19
13
54
59

Gesamt

2585
3905
36
20
941
781
Quelle: FAO 1995: 50. Entnommen aus: F. Nuscheler: "Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik" 1996

Die Verstädterung in Subsahara-Afrika
hat durch den hohen Bevölkerungszuwachs in den vergangenen Jahrzehnten und durch die dadurch ausgelöste Landflucht zu einem dramatischen Anwachsen der städtischen Bevölkerung und der Städte geführt:

  • 1960 lebten 15% der Bevölkerung in Städten
  • 1995 lebten 31% der Bevölkerung in Städten

In keiner anderen Weltregion waren die jährlichen Zuwachsraten der Verstädterung mit 5% p.a. so hoch wie in Subsahara-Afrika. Daraus folgte ein Anwachsen der städtischen Ballungsräume zu häufig chaotischen Siedlungs- und Verkehrsdichten, die von den kommunalen Verwaltungen nicht beherrschbar waren. Beispielsweise wird Lagos voraussichtlich in den nächsten Jahren als erste Stadt Subsahara-Afrikas zu einer Megastadt mit über 10 Millionen Einwohnern werden.

Städtische Bevölkerung

Subsahara
Afrika

Südasien

Ostasien

Lateinam. + Karibik

Alle EL

Industrieländer

Welt

in % der Gesamtbevölkerung

1960

15
18
20
50
22
61
34

1994

31
26
31
74
39
75
45

2000

35
31
37
77
41
75
47

jährliche Zuwachsrate

1980 - 1995

5,0
3,4
4,2
2,8
3,3
0,7
2,5

Quelle: Weltbank, Weltentwicklungsbericht 1997"

Die Auslandsverschuldung Subsahara-Afrikas
ist in den vergangenen Jahren auf eine Quote von 269,8% im Verhältnis zu den Exporten leicht gestiegen. Wegen des geringen Leistungspotentials der Länder Afrikas ist der Schuldendienst mit 14,7% (1995) jedoch verhältnismäßig niedrig. Bedingt durch die bereits hohe Auslandsverschuldung im Verhältnis zu den Exporten und zum BSP haben die Länder Afrikas nur noch einen geringen Spielraum für eine Erhöhung ihrer Auslandsverschuldung, beispielsweise für die Einfuhr lebenswichtiger Nahrungsmittel, Wirtschafts- oder Investitionsgüter.

Auslandverschuldung im Verhältnis zum BSP

An den Kapitalzuflüssen hat Subsahara-Afrika
in den vergangenen Jahren nur marginal partizipiert. Afrika bietet Kapitalinvestoren nur wenige zukunftsträchtige Investitionsobjekte. Die wenigen nennenswerten Kapitalinvestitionen konzentrierten sich auf nur wenige Länder, wie Ägypten, Nigeria u. Südafrika. Unter den zwanzig größten Empfängerländern privater Kapitalzuflüsse befindet sich kein Land Subsahara-Afrikas.

Direktinvestitionen 1995

Die Entwicklungshilfe in Subsahara-Afrika
Afrika hingegen ist nach wie vor überwiegend von öffentlicher Entwicklungshilfe (ODA) anhängig, die seit 1990 in realer Rechnung gleichwohl um rund 15% zurückgegangen ist" (OECD). So flossen 1996 insgesamt 29,6% der bilateralen öffentlichen Entwicklungshilfe (ODA) der Bundesrepublik in die Länder Subsahara-Afrikas.

Empfänger deutscher bilateraler öffentl. Entwicklungshilfe

Nettoauszahlung

1994

1995

1996

Mio. DM

%

Mio. DM

%

Mio. DM

%

Mittelmeerraum/Naher Osten

707,0
10,5
612,3
8,9
1.133,3
16,6

Subsahara-Afrika

1.916,2
28,5
1.818,2
26,3
1.837,6
26,9

Lateinamerika

714,9
10,6
871,6
12,6
1.284,9
18,8

Mittel-/Südosteuropa/
Nachfolgestaaten der UdSSR

546,2
8,1
742,2
10,8
287,6
4,2

Asien und Ozeanien

1.898,5
28,3
1.856,5
26,9
1.266,9
18,6

Nicht aufteilbare ODA

937,1
13,9
1.002,3
14,5
1.013,8
14,9

Bilaterale ODA insgesamt

6.720,0
100,0
6.903,2
100,0
6.824,1
100,0

Quelle: BMZ "Journalistenhandbuch Entwicklungspolitik", 1998

Die Militärausgaben Afrikas
dürfen nicht übergangen werden, wenn man Gegenwart und Zukunft unseres Nachbarkontinents analysiert. Dazu sei zunächst auf die 43 Kriege in Afrika seit 1945 hingewiesen, die nicht selten über Jahrzehnte andauerten und zu hohen Menschenverlusten führten. Dennoch kann man auf sinkende Militärausgaben in Subsahara-Afrika hinweisen.

Man sollte aber die Militärausgaben im Verhältnis zu den Sozialausgaben betrachten und werten. In Subsahara-Afrika wurden beispielsweise:

1995 US-$7,8 Mrd. für das Militär aufgewendet, und 1990 US-$12,0 Mrd. für die Gesundheitsversorgung.

Fazit

Es ist zu befürchten, daß der dramatische Bevölkerungsanstieg in Afrika nicht nur auf diesem Kontinent zu katastrophalen Zuständen führen wird, sondern auf alle anderen Länder ausstrahlen wird. Viele bedenkliche und gefährliche Entwicklungen sind heute schon zu erkennen. Die Völkergemeinschaft hat die Mittel und Wege, dieser Entwicklung zu begegnen, sie müssen nur aufgezeigt und genutzt werden. Es soll hier nochmals auf das Buch Die Zukunft beginnt heute ..." hingewiesen werden, das die Situation in eindringlicher Deutlichkeit beschreibt und darüberhinaus Wege zu Ihrer Lösung herausarbeitet.

Das Buch: Horst W. Zillmer, Die Zukunft beginnt heute ... und wohin gehst Du, Homo sapiens? - Wege zu einer nachhaltig tragfähigen globalen Entwicklung" ist erschienen im Verlag Dr. Hans-Dieter Höhnk, Reinbek, 1999. ISBN 3-9806348-0-9, Preis DM 39,80. Bestellungen bitte direkt an den Verlag:
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